Kriminelle Neuigkeiten

So

02

Sep

2018

Politthriller - Die letzte Terroristin - André Georgi

 

Mit „Die letzte Terroristin“ (Suhrkamp, 362 Seiten, 14,95 Euro) hat der Drehbuchautor André Georgi einen außerordentlichen Politthriller geschrieben.

 

 

 

Wie schon Wolfgang Schorlau in seinem „Die blaue Liste“ aus dem Jahr 2003 hat sich Georgi, der zweimal für den Grimme-Preis nominiert war und im Vorjahr den Bayerischen Fernsehpreis gewonnen hat, des Attentats auf den Treuhandchef Detlev Karsten Rohwedder im April 1991 angenommen. Anders jedoch als Schorlau, der mit Klarnamen arbeitete, heißt Rohwedder bei Georgi nun Hans-Georg Dahlmann, einer der wichtigsten Männer in der Republik jener Jahre. Ein Mann, der viele Feinde hat. Ein Mann, der täglich mit der Gefahr leben muss. Gleichwohl man weiß, dass die Geschichte für Dahlmann nicht gut ausgehen kann, gelingt es Georgi dennoch, einen straffen Spannungsbogen zu ziehen: Die junge Sandra Wellmann bewirbt sich auf die Assistentenstelle bei Dahlmann – und wird prompt genommen. Dahlmann kannte Wellmann aus den Jahren, in denen sie mit seiner Tochter studiert hat. Er weiß ihre Qualitäten zu schätzen. Was er jedoch nicht weiß, ist, dass Wellmann mittlerweile im Umfeld der RAF agiert. Ihr Auftrag: Finde den günstigsten Ort und Zeitpunkt für ein Attentat auf den mächtigen Treuhandboss. Georgi spinnt ein belastbares dramaturgisches Netz, indem er die Geschichte aus mehreren Perspektiven erzählt – aus Sicht von Dahlmann, von Wellmann, zweier RAF-Terroristen und aus Sicht des ermittelnden BKA-Beamten. Die Charaktere sind vielschichtig entworfen, es sind lebendige, kraftvolle Figuren, die Georgi, sprachlich ungemein versiert, überzeugend handeln lässt. Ein starker Politthriller, der packend von einem dunklen Kapitel bundesrepublikanischer Geschichte erzählt, von einer Gesellschaft, in der sich nur kurze Zeit nach der Wiedervereinigung erste tiefe Risse zwischen Ost und West zeigen. Und genau wie Schorlau bietet auch Georgi keine Lösung an: Wer Rohwedder/Dahlmann an jenem 1. April 1991 tatsächlich ermordet hat, bleibt im Dunkel. Bis heute konnte die Tat nicht endgültig aufgeklärt werden.

 

Text: Volker Albers

Buch kaufen: Die letzte Terroristin

Di

14

Aug

2018

Krimikolumne - Nora Luttmer

Ein in gewisser Weise offenes Ende setzt auch die Hamburger Autorin Nora Luttmer in „Dunkelkinder“ (Knaur, 318 S., 14,99 Euro). Ihre Kommissarin Mia Paulsen bekommt es mit einem alten Fall zu tun. Zwei Jahre zuvor ist im Raakmoor die Leiche eines Jungen gefunden worden, bis heute konnte seine Identität nicht geklärt werden. Als Paulsen zum Fundort fährt, begeht sie dort einen folgenreichen Fehltritt – und findet sich in einer Geschichte wieder, in der es um illegalen Drogenanbau in einem ehemaligen Weltkriegsbunker geht und um eine Art von Kindesmissbrauch. Luttmer entwickelt ihre Handlung facettenreich auf mehreren Erzählebenen – aus der Perspektive der Kommissarin, aus der eines Jungen und aus der einer vietnamesischen Restaurantbesitzerin, die von allen nur „Tante Lien“ genannt wird. Lien ist eine zwielichtige, gleichwohl die faszinierendste Figur in diesem spannenden, dramaturgisch gut gebauten Kriminalroman.

Nora Luttmer liest am 7.11. beim 12. Hamburger Krimifestival auf Kampnagel. Vvk. Beginnt am 1.9.2018

 

Text: Volker Albers

 

Das Buch von Nora Luttmer ist bei der Buchhandlung Heymann erhältlich 

Di

07

Aug

2018

Krimikolumne - Gard Sveen

Der norwegische Autor Gard Sveen hat sich mit seinem dritten Kriminalroman „Der einsame Bote“ (Dt. v. Günther Frauenlob, List, 304 S., 15 Euro) in die europäische Thriller-Elite geschrieben. Die Geschichte – es eine Art Fortsetzung von Sveens Roman „Teufelskälte“ – führt Kommissar Tommy Bergmann bei seiner Suche nach einem Kindsmörder von Oslo aus nach Litauen, wo er einer Sekte auf die Spur kommt, die ihren Mitgliedern Erlösung durch grausige Körperrituale verspricht. Bergmann hofft, dort ein seit Monaten vermisstes Mädchen zu finden, ein Mädchen, das vor Kurzem für tot erklärt worden ist. Doch Bergmann ist ein besessener Polizist, der allen offiziellen Verlautbarungen misstraut und auf schon skrupellos konsequente Weise seinen eigenen Plan verfolgt. Ein bedingungsloser Einzelgänger ist dieser Ermittler, alles andere als ein Sympathieträger, dennoch eine Figur, die einen mitfiebern lässt. Sveen versteht es dabei, eine derart dramatische Spannung aufzubauen, die seinen Roman zu einem echten page turner werden lässt. Gleichwohl: Es ist eine wahrhaft schreckliche und dezidiert grausame Geschichte, die Sveen, Staatswissenschaftler und einstiger Berater des norwegischen Verteidigungsministeriums, erzählt. Und auch hier bleiben – wie in „Teufelskälte“ – am Ende einige Fragezeichen. Fortsetzung folgt?

 

Text: Volker Albers

 

Das Buch ist bei der Buchhandlung Heymann erhältlich.

Di

31

Jul

2018

Krimikolumne - Tim Erzberg

Vom Hamburg der 20er-Jahre des vorigen Jahrhunderts geht es nach Helgoland, wo Tim Erzberg auch seinen zweiten Kriminalroman „Sturmfeuer“ (HarperCollins, 384 S., 15 Euro) angesiedelt hat. Während einer Jugendregatta vor der Nordseeinsel verschwindet ein Junge, zehn Jahre ist er alt. Niemand kann sich erklären, wie das passieren konnte. Von dem Jungen fehlt jede Spur, die Eltern sind verzweifelt, die Polizei ist ratlos. Nur wenig später stirbt ein weiterer Mensch, der Vater des Jungen hat sich offenbar von den Klippen ins Meer gestürzt. Oder ist er gestoßen worden? Zwei Tote in kurzer Zeit, und das auf dieser friedlichen, kleinen Insel? Die Polizistin Anna Krüger, auf Helgoland aufgewachsen und erst vor Kurzem in ihre Heimat zurückgekehrt, glaubt nicht an Zufälle. Ihre Spurensuche führt sie schließlich weit zurück in das Jahr 1945, als alliierte Bomber die Insel in Schutt und Asche legten. Man erfährt viel über Helgoland in Tim Erzbergs gut geschriebenem Kriminalroman, wobei das Insel-Atmosphärische die Spannung ein wenig überlagert. Aber den Hamburger Journalisten, der auf der Insel recherchiert, ausgerechnet Ulrich Weikert zu nennen, da hätte dann doch das Lektorat einschreiten dürfen…

Tim Erzberg liest am 9.11. beim 12. Hamburger Krimifestival auf Kampnagel. Vvk. beginnt am 1.9.2018

 

Text: Volker Albers

 

Das Buch Sturmfeuer ist bei unserem Mitveranstalter - der Buchhandlung Heymann - erhältlich 

Di

24

Jul

2018

Krimikolumne - Boris Meyn

 

Im Jahr 2000 platzierte Boris Meyn mit dem historischen Hamburg-Roman „Der Tote im Fleet“ sein Krimidebüt. Jüngst ist nun der achte Band in der Reihe um die Hamburger Familie Bischop erschienen – von 1857 spannt sich der Bogen der Romane bis ins Jahr 1925: Und mit „Fememord“ (rororo, 240 S., 9,99 Euro) hat Meyn, promovierter Kunst- und Bauhistoriker, seine seit Langem stärkste Story abgeliefert. Die in Berlin lebende Journalistin Ilka Bischop, durch eine Erbschaft finanziell unabhängig, schlittert eher zufällig in einen heiklen Fall: In der Sowjetunion, so erfährt sie, sollen deutsche Militärflieger in einer speziellen Mission ausgebildet werden. Was nach den Vorgaben des Versailler Vertrages natürlich nicht gestattet ist. Als dort ein mit Ilka befreundeter Pilot zu Tode kommt, reist sie nach Hamburg, um dem Freund des Toten einen Brief auszuhändigen, den sie kurz zuvor noch aus der Sowjetunion erhalten hat. Der Freund jedoch, ein Architekt, ist ebenfalls tot, ermordet. Boris Meyns „Fememord“ ist ein spannendes Stück Zeitgeschichte, das Atmosphäre und Milieus der damaligen Zeit in einer geglückten Fusion aus Fakten und Fiktion dramaturgisch gekonnt einzufangen weiß.

Boris Meyn liest am 7.11. beim 12. Hamburger Krimifestival auf Kampnagel. Vvk. beginnt am 1.9.2018

Volker Albers - Hamburger Abendblatt

 

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